"Unsterblich ist, wer liebt und geliebt wird." – Ein Hospiz in der Erfahrung von Angehörigen

Mit Abstand lässt sich besser über Verluste reden. Inge Sauren hat ihre totkranke Mutter Margret bis zum Schluss begleitet. Sie ist dankbar für die Zeit, die sie gemeinsam mit ihrer Mutter verbringen durfte. Inge Sauren findet: Ja, es ist gut gewesen, dass da keine aktive Sterbehilfe war, sondern wertvolle Zeit, Abschied zu nehmen.

Wie es begann

Es begann kurz vor Ostern. Zusammen mit ihrer Tochter Inge wollte Margret Sauren eigentlich für ein paar Tage nach Berlin fahren. Doch plötzlich hatte die 75-Jährige keinen Appetit mehr. Weil ihre Ärzte im Urlaub waren, reiste sie trotzdem. Egal, was Margret Sauren dann aber zu sich nahm, die Nahrung kam ihr immer wieder hoch. Zurück zu Hause in Bedburg im Rhein-Erft-Kreis suchte sie mehrere Ärzte auf. Im Krankenhaus in Köln Hohenlind erhielt sie schließlich die niederschmetternde Diagnose: Krebs im fortgeschrittenen Stadium. Am Eingang zum Magen hatte sich ein Tumor um die Speiseröhre gebildet. Eine Chemotherapie kam für Margret Sauren eben so wenig infrage wie eine Magenoperation. Inge Sauren, die Tochter, erzählt: „Der Mann und die Schwester meiner Mutter waren bereits verstorben. Und sie fragte sich, wofür sie die ganzen Strapazen noch auf sich nehmen sollte, wenn ohnehin keine Heilung absehbar war.“
Kostbare Momente in einer schweren Zeit.

Es bleiben schöne Erinnerungen

Die 39-Jährige sitzt mit ihrem Ehemann Simon im Wohnzimmer ihrer Kölner Wohnung. Gegenüber der Bücherwand stehen stapelweise Kartons mit alten Ordnern, Büchern und Fotos der Mutter. Ihr Tod liegt nun fünf Monate zurück. Vom Tag der Diagnose bis zum Tod hat Inge Sauren ihre Mutter gemeinsam mit ihrem Mann gepflegt und begleitet. Doch die Trauer und Anstrengungen sieht man ihr nicht an. Sie trägt ein strahlendes Lächeln auf dem Gesicht und erzählt lebhaft von den letzten Monaten. Dabei blickt sie immer wieder zu ihrem Mann, streichelt seine Hand, lächelt und freut sich, wenn die schönen Erinnerungen an ihre Mutter kommen. Dann macht sie wieder eine Pause, holt tief Luft, blickt aus dem Fenster. „Für mich war von vorneherein klar, dass ich mit meiner Mutter den Weg gehe, den sie für sich wählt.“ Im Krankenhaus wurde Margret Sauren mit einem Portkatheder und einer Magensonde ernährt. Als sie das Essen auch auf diesem Weg nicht bei sich behalten konnte, sagte sie zu ihrer Tochter: „Ich will nach Hause“. Auf der krankenhauseigenen Palliativstation wurde sie einige Tage fit gemacht für die Rückkehr ins eigene Haus. Dort gestaltete die Tochter das Wohnzimmer zum Krankenzimmer um. Und Margret Sauren war einfach froh, wieder zuhause zu sein. Inge Sauren hat noch zwei Brüder, doch die leben mit ihren Familien im Ausland. So nahm  die Tochter, die bei der - Arbeitsgemeinschaft für Entwicklungshilfe (AGEH) e. V. in Köln arbeitet, sechs Monate Pflegezeit und zog Anfang Juli mit ihrer Mutter in ihr Elternhaus in Bedburg.

Kleine Freuden

Rund um die Uhr war Inge Sauren für ihre Mutter da. Ein Pflegedienst unterstützte sie dabei. Neun Infusionen musste sie ihr am Tag verabreichen: „Meine Mutter war ständig verkabelt“, sagt sie. Sie wusch sie und half ihr auf die Toilette – Tag und Nacht. „Das war ein Fulltime-Job“, erinnert sich Inge Sauren. „Aber ich hätte es bereut, wenn ich das nicht für sie gemacht hätte.“ Viele schöne Momente haben ihr dafür Kraft gegeben. „Sie hat sich beinahe wie ein Kind gefreut, wenn ich ihr ein Eis brachte – auch wenn sie es danach wieder erbrechen musste.“ Oft las sie ihrer Mutter auch aus einem Buch vor. Ihr Mann Simon unterstützte sie, wo er nur konnte. Er arbeitete weiterhin Vollzeit und nahm sich ansonsten viel Zeit für seine Schwiegermutter. „Wir dachten ja immer, dass es nächste Woche schon zu Ende sein könnte“, so Inge Sauren. Inge Sauren hatte ihre Mutter schon während der Zeit im Krankenhaus im Hospiz Sankt Hedwig in Köln Rondorf angemeldet. Insgesamt vier stationäre Hospize mit jeweils zehn Betten gibt es in der Stadt. „In ganz Köln stehen rund 40 Hospizplätze zur Verfügung. Etwa 150 Patienten stehen allein auf der Warteliste vom Hospiz in Rondorf. Dabei bräuchten viel mehr Menschen dort einen Platz“, weiß ihr Mann Simon. Die Mutter hatte Glück, sie bekam einen Platz. Einen Tag vor dem Umzug ins Hospiz schaute Margret Sauren mit der Tochter und ihren beiden Söhnen, die zu Besuch gekommen waren und den Enkeln noch einmal gemeinsam alte Fotos an. Auch die Briefe von Margrets erster Liebe wurden wieder ausgepackt. Nach dem Vorlesen zerriss sie jeden einzeln, um mit der Geschichte abzuschließen. „So, jetzt ist es gut“, sagte sie dann.
Bild - EBK Sterbebegleitung
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Angehörige im Gespräch

Sterben ohne Schmerzen

Im Hospiz hatte Inge Sauren dann endlich Zeit für das Wesentliche. Der Hospizleiter sagte zu ihr: „Sie kümmern sich ab jetzt nur noch um die Liebe, den Rest übernehmen wir.“ Sie übernachtete die meiste Zeit bei ihrer Mutter im Zimmer, bereitete ihr morgens das Frühstück zu, las ihr etwas vor, schaute mit ihr gemeinsam Filme. „Wir sprachen oft stundenlang. Für meine Mutter gab es kein Tabuthema, sie konnte offen über ihre Ängste sprechen“, so die Tochter. Die Mutter hatte Angst, durch ihre Krankheit eines Tages zu ersticken. Doch die Pfleger konnten ihr versichern, dass sie im Hospiz keinen Todeskampf durchmachen müsste. Sie würden alles daran setzen, ihr das Sterben zu erleichtern und dafür zu sorgen, dass sie keine Schmerzen haben müsse. Das Hospiz ist hell und freundlich und liegt direkt neben einem Kindergarten. „Meine Mutter bezeichnete es als ein Wellnesshotel“, sagt Inge Sauren schmunzelnd. Sie fühlte sich bestens versorgt, das Personal war offen und herzlich. „Das Haus ist kein Ort des Sterbens, sondern des bewussten Lebens“, fügt der Ehemann hinzu. Mit der Mutter sprach der 41-Jährige, der Theologie studiert hat, auch viel über den Glauben und über das Leben nach dem Tod. „Sie fragte sich immer, ob sie wohl ihre Schwester im Himmel wiedersehen werde“, so der Schwiegersohn. Einmal machte ein befreundeter Priester eine Krankensalbung im Beisein der ganzen Familie. Die Anwesenden feierten und sangen, „es war eine wunderschön friedvolle Atmosphäre“, erinnert sich Simon. Und die Feier wirkte wie eine Vitamintablette. Margret Sauren, die aus Schwäche eigentlich bettlägerig geworden war, erhob sich am Rollator wieder zum Laufen.

Hochzeit im Hospiz

Drei Jahre waren Simon und Inge Sauren zu dem Zeitpunkt bereits ein Paar. „Die Zeit mit Inges Mutter hat uns noch einmal besonders stark verbunden“, erzählt Simon heute. Im Juli verlobten sich die beiden im Garten im Beisein der Mutter, die sich sehr freute. Einige Zeit später erwähnte die Mutter beiläufig: „Es wäre schon schön, dabei zu sein, wenn meine einzige Tochter heiratet.“ Gesagt, getan. Am nächsten Tag ging das Paar zum Standesamt. Dort sorgte besonders der Wunsch des Paares für Erstaunen-, im Hospiz zu heiraten. „Wir hatten dort viel über die wirklich wichtigen Dinge des Lebens gelernt“, erklärt Simon Scheit die Entscheidung. Vor allem konnte so Margret Sauren dabei sein, als sich die beiden das Jawort gaben. Vor der Hochzeit machte sie sich noch einmal richtig schön zurecht. Sie ließ sich ihre Lieblingskleider von zu Hause bringen, die Haare schneiden und färben und von ihrer Tochter zum ersten Mal überhaupt die Nägel lackieren. Als die Hochzeitsgäste schließlich im Hospiz ankamen und die Mutter sahen, fragten sie verdutzt: „Wo ist hier die kranke Frau?“ Und tatsächlich sah man Margret Sauren ihr Leid und ihre Krankheit an diesem Tag nicht an. Sie strahlte vor Glück. Trotzdem kam natürlich die Zeit, in der man voneinander Abschied nehmen musste. Sie dauerte mehrere Monate. Einmal hatte Margret Sauren eine Lungenentzündung, dann einen Darmverschluss. „Sie war eine Stehauffrau“, sagt Inge Sauren. Ihr Mann fügt hinzu: „Wir haben immer versucht, sie nicht wie eine Totkranke zu behandeln und sie dadurch zu entmündigen, sondern immer gefragt: Worauf hast du Lust?“. Einmal sagte die Mutter, sie wolle ins Café Reichard und den Kölner Dom besuchen. An einem anderen Tag wünschte sie sich, noch einmal den Rhein zu sehen. Selbst ihren 76. Geburtstag feierte Margret Sauren noch im Kreise ihrer Freundinnen. Dort schenkte sie jeder ein Schmuckstück von sich als Andenken.

Sanfter Abschied

„Wir haben oft herzlich gelacht“, erzählt die Tochter. Als heimliche Raucherin sagte die Mutter zur Tochter: „Wenn ich mal nicht mehr rauchen will, dann ist es vorbei.“ Irgendwann wollte sie dann tatsächlich nicht mehr rauchen. Auch das Aufstehen aus dem Bett fiel ihr zunehmend schwer. Margret Sauren sagte: „Inge, ich kann nicht mehr.“ In den letzten Stunden war das Ehepaar bei ihr; die Tochter legte sich zu ihr, umarmte und streichelte sie. „Sie sprach plötzlich ganz viel von ihrer Schwester und ihrer Mutter, als warteten sie auf sie“, so Inge Sauren. Dann sagte sie: „Ich muss jetzt losgehen.“ Es ging ein Lächeln über ihr Gesicht, „so als wenn Sie jemanden erkannt hätte“, fügt Simon hinzu. „Sie strahlte richtig.“ Dann schloss sie die Augen und atmete ruhig. Und mit jedem Atemzug wurde sie ruhiger, bis sie aufhörte zu atmen. Im Nachhinein ist das Ehepaar froh, die letzte Zeit mit der Mutter noch einmal so intensiv erlebt zu haben. „Ich konnte Abschied nehmen und mich langsam darauf einstellen, dass sie geht“, sagt Inge Sauren. Dem Hospiz fühlt sie sich auch heute noch verbunden und möchte dort künftig durch ihre ehrenamtliche Mitarbeit etwas von den positiven Erfahrungen zurückgeben. Inge Saurens Ehemann ist die Schwiegermutter besonders in dieser letzten Zeit sehr ans Herz gewachsen, und er ist nach wie vor sehr traurig über ihren Verlust. „Die letzten Monate mit Inges Mutter waren für uns sicher kein Spaziergang, aber ich bin wahnsinnig dankbar für die Zeit, denn ich konnte Margret dabei noch einmal ganz anders kennenlernen.“ Kraft und Mut schöpfte das Ehepaar nach eigener Aussage immer durch die Liebe zu Margret Sauren. Und so steht auf dem Stein, der jedem Verstorbenen im Hospiz gewidmet wird, ein Trauerspruch, der zugleich zum Trauspruch des Ehepaars wurde: „Unsterblich ist, wer liebt und geliebt wird.“

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