„Nicht immer ist vom Tod die Rede – Begegnungen in der ambulanten Palliativpflege“

Claudia Reifenberg ist Palliativschwester. Seit knapp drei Jahren fährt sie im roten Smart durchs Bonner Rheinviertel und besucht Menschen mit einer unheilbaren Krankheit. Sie unterstützt sie im Alltag, hält Informationen und Ratschläge bereit, hört zu. Und: Sie lacht viel mit ihren Patienten. „Trübsal zu blasen ist nicht meine Aufgabe. Mein Ziel ist es, dass die letzte Zeit für alle gut ist“, sagt sie.
„Huhu, guten Morgen.“ Mit beschwingtem Schritt, ein Lächeln auf den Lippen, betritt Claudia Reifenberg die Wohnung. „Guten Morgen“ antwortet, leise und zaghaft, eine Stimme aus einem der hinteren Zimmer. Sie gehört Ingeborg Brandts. Im Morgenmantel sitzt die alte Dame auf ihrem Bett. Blass wirkt sie, und als sie aufsteht, merkt man, dass sie recht wacklig auf den Beinen ist. „Wie läuft‘s denn heute?“ fragt Reifenberg aufmunternd, auch wenn die Antwort auf der Hand zu liegen scheint. Ingeborg Brandts geht es derzeit nicht gut. Sie hat wenig Kraft, alles strengt sie an, schon nach wenigen Schritten ist sie außer Atem. „Das macht mich bedenklich“, sagt die 78-Jährige, die mittlerweile in ihrem kleinen Wohnzimmer Platz genommen hat. „Haben Sie Angst, dass es Lungenmetastasen sein könnten?“, fragt Reifenberg und bekommt ein zaghaftes „Ja“ zu hören.

Menschen brauchen Trost und Zuspruch

Für die pensionierte Journalistin zerfällt das Leben in zwei Abschnitte. 2011 markiert den Wendepunkt. In diesem Jahr erhielt sie die Diagnose Brustkrebs – es folgten Operation, Chemotherapie, Reha. Zunächst schien es bergauf zu gehen, doch der Krebs gab sich nicht geschlagen. Brandts hat Knochenmetastasen. Wie lange sie damit noch leben kann, ist ungewiss. Genau diese Diagnose ist auch der Grund, warum sie Besuch von Claudia Reifenberg erhält. Ein- bis zweimal pro Woche schaut die ambulante Palliativschwester bei der alten Dame vorbei. Sie hilft ihr beim Waschen und Anziehen, bespricht Organisatorisches, füllt mit mir Krankenkassenformulare aus. Das Wichtigste aber: Sie hat Zeit. „Pflegedienste machen eine wichtige Arbeit“, erklärt Reifenberg, „aber für ausführliche Gespräche haben sie selten Zeit.“ Doch die Menschen wollen reden, besonders dann, wenn sie wissen, dass das Ende ihres Lebenswegs absehbar ist. Sie wollen Rückschau halten, sie wollen ihren Hoffnungen Ausdruck verleihen und auch ihren Ängsten. Sie brauchen Trost und Zuspruch – und manchmal einfach nur ein offenes Ohr. Probleme mit der Familie kommen ebenso zur Sprache wie die Angst vor dem Tod, es geht um Heiteres und Besinnliches, um Glück und Trauer. Knapp drei Jahre lang tourt Claudia Reifenberg nun schon im roten Smart durch den Bonner Süden, um Menschen in ihrer letzten Lebensphase beizustehen, um auch dieser letzten Lebensphase Wert, Würde und Sinn zu verleihen. Bei der Caritas ist sie angestellt, doch ihre Stelle wird von der katholischen „Bürgerstiftung Rheinviertel“ (siehe Infobox am Ende dieser Seite) komplett refinanziert. „Meine Patienten koste ich keinen Cent“, betont die dreifache Mutter mit dem flotten Kurzhaarschnitt und dem ansteckenden Lachen.

Weit mehr als Sterbebegleitung

Ausgebildet ist Reifenberg als Kinderkrankenschwester, doch eine Säuglingsstation als Arbeitsplatz erschien ihr zu einseitig. Sie wollte Kinder unterschiedlichen Alters betreuen. Auf einer Kinderkrebsstation hatte sie dann erstmals Kontakt mit Sterbenden. Sie lernte, wie wichtig kompetente Begleitung gerade in dieser schweren Lebensphase ist. Nach einer Zusatzausbildung in Palliativpflege wechselte sie ganz in diesen Bereich und baute einen ambulanten Palliativdienst für Kinder auf. 2012 übernahm sie schließlich von einer indischen Ordensschwester die ambulante Palliativversorgung im Bonner Rheinviertel. Doch Palliative Care – das ist Claudia Reifenberg wichtig – ist weit mehr als nur Sterbebegleitung. Im Gespräch mit Ingeborg Brandts etwa ist vom Sterben keine Rede. Mehr noch: Nach kurzem geht es nicht einmal mehr um die Krankheit. Reifenberg und ihre Patientin haben nämlich eine gemeinsame Leidenschaft: das Lesen. Immer wieder tauschen sie Bücher aus und können dann stundenlang über das Gelesene fachsimpeln. So auch jetzt. Und siehe da: Plötzlich kommt Farbe in das faltige Gesicht der alten Dame, der Körper scheint sich zu straffen, ein Lächeln vertreibt die Angst vor dem nächsten Arztbesuch. Zum Abschied bekommt Reifenberg gleich einen weiteren Schmöker geliehen. „In drei Nächten hatte ich den durch“, verrät Brandts noch schmunzelnd, ehe die Tür ins Schloss fällt.

Gespräche über Glaube, Tod – und ganz Alltägliches

Eine Leseratte ist Reifenbergs nächste Patientin nicht. 40 Jahre lang hat Bärbel Krüsmann (*Name geändert) in Bonn-Mehlem einen Friseursalon geleitet, danach noch zwölf Jahre als Tagesmutter gearbeitet. Ihre Tochter hat sie nach dem frühen Tod des Ehemanns allein groß gezogen, wie sie nicht ohne Stolz erzählt. Dass eine Krebserkrankung ihre Lebenserwartung mittlerweile deutlich verkürzt hat, sieht sie gelassen. „Ich habe doch hier auf Gottes Erden alles erledigt“, sagt die alte Dame und hat dabei ein entspanntes Lächeln auf den Lippen. Besonders freut es sie, dass ihre Tochter bei einer japanischen Bank in Düsseldorf beruflich Fuß fassen konnte und einen netten Partner gefunden hat. „Was soll ich dann hier noch machen?“ Das Haus kann Krüsmann inzwischen nicht mehr verlassen, „aber in der Wohnung bin ich noch viel unterwegs“, betont sie. Jedes Wochenende kommt ihre Tochter vorbei, und auch zwischendurch bekommt sie immer wieder Besuch – oft von den Familien, deren Nachwuchs sie einst betreut hat. „Schön, dass die eine asbach-uralte Frau nicht allein lassen“, scherzt die 85-Jährige in ihrem unverkennbar rheinisch geprägten Tonfall. Zu Claudia Reifenberg hat Krüsmann ein herzlich-entspanntes Verhältnis. Mit ihr kann sie über alles reden, über Alltägliches, aber auch über den Glauben und das Lebensende. Mehr Bedürfnisse habe sie letztlich nicht mehr.
Bild - EBK Sterbebegleitung
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Impressionen aus dem Berufsalltag von Claudia Reifenberg.

Kampf gegen Windmühlen

Nicht alle Patienten seien so pflegeleicht wie Bärbel Krüsmann, gesteht Reifenberg später auf der Fahrt zum dritten Besuch. Vor allem ein älterer Herr habe sie in den letzten Monaten „echt ratlos gemacht“. Auch er leidet an einem inoperablen Krebs, eine palliative Chemotherapie konnte ihm aber Linderung verschaffen. „Sechs Monate, vielleicht sogar ein Jahr lang hätte er noch bei guter Lebensqualität leben können“, erzählt die Palliativschwester. Doch davon wollte der Patient nichts wissen. Durch die Diagnose sei er in ein tiefes Loch gefallen. Statt die verbleibende Zeit zu genießen, habe er tagelang nur im Bett gelegen und mit seinem Schicksal gehadert. Einen zweiten Chemozyklus habe er sogar abgelehnt. Alle aufmunternden Gespräche seien nutzlos gewesen. „Für jedes positive Argument, hatte er drei negative parat“, schildert Reifenberg ihren Kampf gegen Windmühlen.

Mit Humor wird alles leichter

So schwer hat es die Palliativschwester bei Else von der Lancken nicht – obwohl die alte Dame gerne mit ihrer Dickköpfigkeit kokettiert. Im Leben hat sie es nicht leicht gehabt. Der erste Mann hat sie schon kurz nach der Hochzeit betrogen, den zweiten hat sie früh verloren; auch zwei ihrer drei Kinder hat sie bereits überlebt. An beiden Hüften und einem Knie wurde sie schon operiert, der Rücken hält nur noch dank einiger Schrauben zusammen. Und jetzt leidet sie auch noch an chronischer Leukämie. Nur ihren Humor hat die 85-Jährige nicht verloren. Ihren Rollator nennt sie ihren Verlobten und schwärmt davon, dass der wenigstens tut was sie will. „Welcher Verlobte macht das schon?“ Sie freut sich, wenn demnächst „so eine Sportskanone“ kommt, um mit ihr „Purzelbäume“, sprich: Physiotherapie zu machen. Und auf Claudia Reifenberg lässt sie nichts kommen. „Nett sind ja viele, aber sie hat das gewisse Etwas.“ Und doch beißt sich die Palliativschwester an ihrer Patientin schon mal die Zähne aus. Eine polnische Pflegekraft will die elegante Halbspanierin mit den wallenden grauen Haaren auf keinen Fall in der Wohnung aufnehmen. Selbst der augenzwinkernde Vorschlag, es doch wenigstens mit einem Pfleger zu versuchen, kann von der Lancken nicht umstimmen. Auch ins Krankenhaus will sie unter keinen Umständen mehr. Deshalb drückt sie, wenn sie gestürzt ist, auch lieber nicht auf den Notfallknopf. Ein Glück, dass Reifenberg selbst um Mitternacht noch spontan vorbeischaut und von der Lancken wieder auf die Beine hilft. „Da ziehe ich dann aber nur schnell die Jacke über den Schlafanzug“, schmunzelt sie. „Bei Frau von der Lancken kann ich das, wir kennen uns schon lang genug.“

Eine gute Zeit für alle

Ihre Arbeit, das merkt man in jedem Moment, macht Claudia Reifenberg mit Herzblut. „Von meinen Patienten lerne ich, die Dinge so zu nehmen, wie sie sind“, erzählt sie. Dass sie ihre Patienten nicht geheilt entlässt, macht ihr nicht zu schaffen. „Das ist nicht mein Auftrag.“ Natürlich müsse man mit beiden Beinen im Leben stehen, um eine solche Aufgabe erfüllen zu können. „Ohne den Rückhalt durch meine Familie könnte ich das nicht“, betont Reifenberg. Auch beruflich sei sie nicht allein. Sie arbeite eng mit den jeweiligen Hausärzten und dem Pflegeteam der Caritas zusammen und könne im Bedarfsfall zusätzlich ein spezialisiertes Palliativ-Team mit einem entsprechend qualifizierten Arzt zu Rate ziehen. Ihr erklärtes Ziel sei es „dass die letzte Zeit für alle gut ist“ – für die Betroffenen, aber auch für die Angehörigen. Und wenn man in die dankbaren Augen der Patienten schaut, dann gelingt ihr das bei fast allen.

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