Fragen und Antworten

"Den eigenen Tod, den stirbt man nur, doch mit dem Tod der anderen muss man leben." (Mascha Kaleko)

Eva-Maria Will, Referentin für Trauerpastoral und Bestattungskultur im Erzbistum Köln. Weitere Informationen unter www.abschied-trost.de

Eva-Maria Will im Gespräch

Wie geht die Gesellschaft mit Sterben, Tod und Trauer um?

Eva-Maria Will:
Nach wie vor sind das Themen, die tabuisiert werden, denn sie passen nicht zu der idealisierten Vorstellung vom gesunden und erfolgreichen Menschen. Das hat zur Folge, dass Sterbende und Tote aus dem Alltag ausgegrenzt oder beispielsweise im Krankenhaus aus dem Blickfeld geschoben werden. Es gibt Männer und Frauen in der Mitte des Lebens, die noch nie einen toten Menschen gesehen haben. Anderseits bieten die Medien heute genug Möglichkeit, bei Katastrophen, Unfällen oder Kriegen sowie bei brutalen Morden zuzuschauen. Dadurch wird der Tod jedoch verharmlost. Die Gemeinschaft der Kirche hat es sich seit jeher zur Aufgabe gemacht, nicht nur Tote würdig zu bestatten, sondern auch Trauernde zu trösten. Das zählt zu den Werken der Barmherzigkeit.

Wie fühlt sich jemand, der einen Menschen verloren hat?

Eva-Maria Will:
Wenn ein Mensch stirbt, zu dem man eine enge Verbindung hatte, bricht für die Angehörigen oft erst einmal eine Welt zusammen. Die Hinterbliebenen reagieren allerdings ganz individuell und vielfältig auf den Tod eines nahen Angehörigen, und zwar nicht nur emotional wie mit Trauer, Existenzangst oder auch Wut, sondern auch körperlich. Es gibt Menschen, die etwa unter Appetitlosigkeit oder Schlafstörungen oder anderen Trauerreaktionen leiden. Darüber hinaus hat die Erfahrung des Verlustes auch Folgen für ihr Verhalten. Trauernde fühlen sich z.B. oft unfähig, ihren Alltag zu organisieren. Trauer kann auch dazu führen, sich aus dem bisherigen sozialen Umfeld zurückzuziehen. Es gibt trauernde Menschen, die die Frage nach dem Sinn des Lebens neu stellen, deren Glauben erschüttert wird oder die einen neuen Zugang zu Spiritualität und Glauben finden. Alle diese Reaktionen sind zwar natürlich und normal, aber auch schmerzhaft und anstrengend.

Was können Menschen tun, die Trauernde begleiten möchten?

Eva-Maria Will:
Nachbarn, Arbeitskollegen oder Freunde fühlen sich oft verunsichert, hilflos und überfordert, wenn sie eine Todesnachricht erhalten. Das führt leider manchmal dazu, dass sie gar nicht reagieren oder auf den Trauernden zugehen, weil sie Sorge haben, etwas falsch zu machen. Aber es ist keine Lösung, die Straßenseite zu wechseln oder zu schweigen, wenn man einem trauernden Menschen begegnet. Dabei kann jeder von uns einen Trauernden tatkräftig unterstützen, in dem wir z.B. für ihn eine Mahlzeit kochen, auf die Kinder aufpassen oder den Rasen mähen. Manchmal ist auch Unterstützung bei der Gestaltung der Begräbnisfeier gewünscht. Darüber hinaus hilft es, wenn wir den Trauernden mit Worten und Gesten trösten. Der klassische Kondolenzbrief, ein Anruf oder einfach nur eine Umarmung können sehr tröstlich sein. Trauernde sind auch dankbar, wenn sie auch nach Wochen und Monaten gefragt werden, wie es ihnen geht, denn die Trauer ist ja ein längerer Prozess, der nicht selten ein Leben begleiten kann.

Wie können Trauerbegleiter/innen helfen?

Eva-Maria Will:
Die Begleitung ist nicht nur eine Aufgabe professioneller Trauerbegleiter, aber diese sorgen besonders in schwierigen Situationen dafür, dass der Alltag oder sogar das Überleben gestützt wird. Sie helfen den Trauernden, den Verlust zu begreifen und bieten Ort und Zeit, damit sie ihren Gefühlen und Gedanken freien Lauf lassen können. Trauerbegleiter ermutigen die Trauernden auch, dem Toten einen neuen Platz in ihrem Leben zuzuweisen und heilsame Formen des Erinnerns zu finden. Sie helfen den trauernden Angehörigen auch, die eigenen Ressourcen zu entdecken und Perspektiven für den nächsten Lebensabschnitt zu entwickeln.

Welche Unterstützungsangebote gibt es?

Eva-Maria Will:
Eine erste Anlaufstelle kann die Telefonseelsorge sein, wenn niemand anders zu erreichen ist. Trauerbegleiter bieten oft auch spezielle Trauergruppen an, in denen sich trauernde Menschen über die eigenen Erfahrungen mit dem Verlust austauschen können. Dabei können Trauernde wählen zwischen einer offenen Gruppe oder einer geschlossenen Trauergruppe, in der die Anzahl der Sitzungen vorgegeben ist (etwa 8 Sitzungen). Die Trauergruppen wenden sich entweder allgemein an trauernde Erwachsene, aber auch an Kinder, Jugendliche oder die Familie. Darüber hinaus gibt es sog. Trauercafés, die regelmäßig Raum bieten für einen Austausch oder einen Impuls zur Trauerbearbeitung. Solche Trauercafés werden in Krankenhäusern, Hospizen oder in der Pfarrgemeinde angeboten, wo es Ansprechpartner für die Trauerseelsorge und Begleitung gibt. Im Erzbistum Köln gibt es zudem Geistliche Begleiter, mit denen man über eine Verlusterfahrung, aber auch über Fragen zum Sinn des Lebens oder den Glauben sprechen kann. Das Katholische Bildungswerk im Erzbistum Köln bietet darüber hinaus vor Ort Seminare zu Themen rund um Tod und Trauer sowie Trauergesprächskreise an. Kurzfristige Unterstützung bieten heute auch Bestatter im Zusammenhang mit dem Begräbnis an. Auch im Internet gibt es Hilfsangebote wie einen Livechat, in dem Kinder, Jugendliche oder Erwachsene mit Trauerbegleitern oder Internetseelsorgern über ihren Verlust sprechen und sich Hilfe holen können. Mittlerweile werden von verschiedenen Veranstaltern für Trauernde auch gemeinsame Spaziergänge oder Reisen angeboten.

Wann ist besondere Hilfe notwendig?

Eva-Maria Will:
Auch wenn Trauer normal ist, kann Trauer einen Menschen krank machen und beispielsweise zu einer psychischen Erkrankung führen. Die kann sich in Angststörungen, einer Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) oder in einer Depression zeigen. Weil das den Trauerprozess belastet, spricht man auch von erschwerter Trauer. Risikofaktoren können beispielsweise sein, wenn der Verstorbene durch Gewalt umgekommen ist, wenn der Tod ein gesellschaftliches Tabuthema trifft wie Suizid, Aids, Abtreibung oder eine heimliche Liebesbeziehung. Körperliche oder psychische Symptome können dabei auf eine erschwerte Trauer hinweisen. Allerdings ist das nicht zwingend der Fall, denn Trauernde, die psychisch stabil sind und ausreichend Unterstützung durch die Familie oder Freunde erfahren, können durchaus einen normalen Trauerprozess durchleben. Wer aber in seiner Trauer körperliche oder psychische Anzeichen für eine erschwerte Trauer zeigt, sollte sich von professionellen Trauerbegleitern, Therapeuten oder Psychiatern begleiten bzw. behandeln lassen. Deshalb ist es beispielsweise auch bei einer Katastrophe oder einem Verbrechen vorgesehen, dass Notfallseelsorger Menschen beistehen.

Warum tut Erinnerung gut?

Eva-Maria Will:
Trauernde Angehörige müssen zwar den Verstorbenen aus dem irdischen Lebensumfeld verabschieden, brauchen ihn aber nicht loszulassen. Sie dürfen ihm vielmehr einen neuen Platz in ihrem Leben geben. Dabei geht es darum, heilsame Formen des Erinnerns zu finden. Für viele ist das das Grab selbst ein wichtiger äußerer Ort der Erinnerung. Andere entwickeln andere Formen und Orte wie das Foto auf dem Schreibtisch, ein Schmuckstück oder das Lieblingsbuch, um sich dem Toten nahe zu fühlen. Christen fühlen sich mit dem Verstorbenen darüber hinaus verbunden, weil sie daran glauben, dass der Verstorbene nun bei Gott lebt, und hoffen, dass sie einst wieder mit ihm verbunden sein werden. Die Kirche ist gewissermaßen die Erinnerungsgemeinschaft, die den Verstorbenen nicht nur würdig bestattet, sondern auch im Gedächtnis behält. So verliert der Tote seine Rolle im Leben der Hinterbliebenen nicht, sondern sie verändert sich dauerhaft. Diese fortgesetzte Bindung kann individuell durch Gedenktage (Geburtstag, Namenstag oder Hochzeitstag) oder Rituale gestaltet werden. Die Gedenktage etwa sechs Wochen (vgl. das Sechswochenamt) oder ein Jahr (vgl. das Jahrgedächtnis) nach der Bestattung begleitet und gestaltet die Kirche gemeinschaftlich durch entsprechende Gottesdienste. An alle Toten denkt die Gemeinschaft der Kirche an Allerheiligen und besonders an Allerseelen.
 

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