Anwälte des Patientenwillens - Interview mit den Krankenhausseelsorgern Wolff und Klein-Weber

Auf einer Intensivstation ringen viele Patienten mit dem Tod. Sie und ihre Angehörigen in dieser schweren Situation zu begleiten, ist eine große Herausforderung für Klinikseelsorger und -seelsorgerinnen. Wie ihre Arbeit dort aussieht und mit welchen Problemen sie konfrontiert sind, erzählen Pastoralreferentin Lisa Klein-Weber und Pfarrer Jochen Wolff. Beide arbeiten schwerpunktmäßig auf der onkologischen Intensivstation der Abteilung für Innere Medizin an der Kölner Universitätsklinik. Darüber hinaus arbeiten sie auf allen anderen acht Intensivstationen des Krankenhauses mit.

Lisa Klein-Weber und Jochen Wolff im Interview

Frau Klein-Weber, Pfarrer Wolff, wie muss man sich Krankenhausseelsorge im speziellen Umfeld einer Intensivstation vorstellen?

Jochen Wolff:
Zunächst einmal sind wir mit der Tatsache konfrontiert, dass ein Großteil der Patienten auf der Station nicht mehr direkt mit uns kommunizieren kann. Sie sind stark sediert, werden beatmet oder liegen im Koma. Natürlich wenden wir uns auch diesen Menschen zu, sprechen sie an, berühren sie. Aber ein Seelsorgegespräch im klassischen Sinn findet da nicht statt. Dafür rücken die Angehörigen in den Fokus, die sich ja in einer Situation großer Unsicherheit befinden und von daher ein hohes Maß an Zuspruch, an Unterstützung und Begleitung brauchen. Und natürlich geht es in diesen Gesprächen viel öfter als auf anderen Stationen auch um ethische Fragestellungen, denn die meisten Patienten sind ja in einem sehr kritischen Zustand.
Lisa Klein-Weber:
Darüber hinaus kümmern wir uns auch um Ärzte und Pflegepersonal. Auf der Intensivstation einer Uniklinik landen ja vor allem schwere Fälle, die schon mal eine ganze Station erschüttern. Da ist es gut, wenn jemand da ist, der ein offenes Ohr für die Mitarbeiter hat. Oft führen wir auch nach dem Tod eines Patienten noch ein Gespräch mit Ärzten und Schwestern, um gemeinsam das Geschehene zu verarbeiten.

Das Stichwort Tod ist gefallen. Wie stark sind Sie in Ihrer Arbeit mit dem Thema Sterben und Tod konfrontiert?

Lisa Klein-Weber:
Eigentlich den ganzen Tag über, denn die Patienten auf einer Intensivstation und besonders auf einer onkologischen Intensivstation sind häufig in akuter Lebensgefahr. Hinzu kommt, dass wir es in der Uniklinik oft mit besonders schweren Fällen zu tun haben und mit schwer erkrankten jungen Patienten, wodurch der Tod ein ganz anderes Gewicht bekommt.
Jochen Wolff:
Das Schwierigste für alle Beteiligten ist die Unsicherheit. Bisweilen weiß niemand, wie die Sache ausgehen wird. Die Ärzte als Naturwissenschaftler behelfen sich da mit Prozentzahlen. Aber was bedeutet es letztlich, wenn ein Patient eine Heilungschance von wenigen Prozent hat? Damit stellt sich die Frage, ob der Betroffene das eigentlich gewollt hätte, ob er sich, wenn er noch selbst entscheiden könnte, unter diesen Vorzeichen wirklich dieser Therapie unterzogen hätte.

Wie schwer ist es, diese Grenze zwischen kurativer und palliativer Behandlung zu ziehen?

Jochen Wolff:
Das ist in der Tat ungeheuer schwer. Zunächst einmal sind da die Ärzte gefragt. Sie müssen sich darüber klar werden, ob es noch Therapien gibt, die zumindest eine geringe Heilungschance bieten. Und sie müssen das dann, wenn möglich, offen mit dem Patienten selbst oder gegebenenfalls mit den Angehörigen besprechen. Dabei geht es um die Frage: Soll man eine möglicherweise sehr anstrengende Therapie noch machen, wenn die Heilungschancen nur gering sind? Kann der Patient noch selbst entscheiden oder andernfalls: was können die Angehörigen zu einer Entscheidungsfindung beitragen? Oft kommt es auch darauf an, was der Patient schon durchgemacht hat. Beim ersten Auftreten des Tumors entscheidet man sich vielleicht auch bei geringer Heilungschance für eine Therapie. Beim zweiten Rezidiv sieht die Sache möglicherweise anders aus.
Lisa Klein-Weber:
Es gibt aber auch die genau gegenteilige Erfahrung: dass die Betroffenen keineswegs so entscheiden wie gerade beschrieben. Zum Beispiel habe ich schon etliche Patienten begleitet, die sich einer zweiten Stammzelltransplantation unterzogen haben, obwohl die Heilungschance da sehr viel geringer ist. Und die Stammzelltransplantation ist eine der schwierigsten Prozeduren, die es im onkologischen Bereich gibt! Manchmal sind selbst Angehörige erstaunt, dass sich der Patient diese Behandlung ein zweites Mal antut.

Man hört oft den Vorwurf, dass Krankenhäuser in Deutschland viel zu lange behandeln. Selbst Patienten mit infausten Diagnosen, heißt es, würden noch operiert, damit Geld in die Kasse kommt. Werden Sie mit diesem Vorwurf konfrontiert, etwa durch Angehörige?

Lisa Klein-Weber:
Auf der onkologischen Station erleben wir das nicht. Das liegt daran, dass ethische Fragestellungen hier von allen Beteiligten sehr ernst genommen werden. Seit 15 Jahren schon gibt es hier einen Ethik-Arbeitskreis und seit fünf Jahren eine Ethikvisite, bei der genau die vorhin angesprochenen Grenzfälle besprochen werden. Auf anderen Intensivstationen oder in anderen Krankenhäusern habe ich das schon ganz anders erlebt. Da steht in der Akutsituation allein das Medizinische isoliert im Vordergrund. Da wird auch eine 96-Jährige noch dreimal wiederbelebt, ohne dass jemand die Frage stellt, ob die Patientin das gewollt hätte, oder ob nicht eine Patientenverfügung vorliegt, in der zu diesem Thema etwas steht. In solchen Situationen eine ethische Fragestellung ins Spiel zu bringen, verlangt von uns Seelsorgern einiges an Kenntnis, Sensibilität und gegebenenfalls Widerstandkraft, da sind wir auch mal Sand im Getriebe.
Jochen Wolff:
Es hängt auch sehr viel vom Selbstverständnis der Ärzte auf einer Intensivstation ab. Chirugen verstehen den Tod häufig als Niederlage. Da wird alles dafür getan, dass der Patient überlebt, in welchem Zustand auch immer. In anderen Bereichen sind die Ärzte schon eher bereit, die Frage nach der Sinnhaftigkeit einer Behandlung im Blick auf die Gesamtsituation des Patienten in ein Therapiekonzept miteinzubeziehen. So stellt man sich am Lebensende oftmals die Frage, ob der Sterbeprozess durch die Gabe von Sauerstoff sowie Herz und Kreislauf unterstützenden Medikamenten über Gebühr verlängert wird. Aber auch da gibt es kein einfaches Richtig oder Falsch. Denn manchmal kann es durchaus sinnvoll sein, den Tod eines Menschen noch ein wenig hinauszuzögern, etwa weil Angehörige sich noch etwas Zeit wünschen, um Abschied zu nehmen. Solche Fragen klären wir auf unserer Station in der Ethikvisite.

In welchen Fällen findet die statt? Und wie läuft sie ab?

Jochen Wolff:
Die Ethikvisite findet einmal pro Woche im Rahmen der normalen Chefarzt- oder Oberarztvisite statt. Besprochen werden nicht nur die akuten Fälle, sondern die Situation aller Patienten, die zu dem Zeitpunkt auf der Intensivstation liegen. Dabei werden neben den Ärzten auch das Pflegepersonal, eine Ethikberaterin und ein Vertreter der Seelsorge mit einbezogen. Leitfrage ist meist: Sind wir noch auf dem richtigen Weg? Ergibt das, was wir tun, noch einen Sinn? Darüber wird dann diskutiert, ganz offen und durchaus auch kontrovers.

Und welche Rolle spielen Sie als Seelsorger dabei?

Lisa Klein-Weber:
Wir versuchen über das Medizinisch-Fachliche hinaus die Menschen in den Blick zu nehmen, sei es nun der Patient selbst oder dessen Angehörige mit deren spezifischen Bedürfnissen, und bringen diese Perspektive in die Diskussion ein.
Jochen Wolff:
Es gibt ja in vielen Fällen verschiedene ethische Aspekte. Ein Aspekt ist es zum Beispiel, Behandlungen, die aus medizinischer Sicht keinen Sinn ergeben, zu unterlassen. Ein anderer aber ist: Wir dürfen durch unser Verhalten keine Angehörigen zusätzlich traumatisieren. Das aber könnte unter Umständen durch den sofortigen Abbruch einer Behandlung geschehen.
Lisa Klein-Weber:
Letztlich habe ich aber den Eindruck, dass bei dieser Ethik-Visite keiner auf seine Rolle festgelegt ist. Vielmehr verstehen wir uns als Team, das gemeinsam zu einer Entscheidung kommt. Gerade für die Pfleger und Ärzte ist diese Visite oft eine willkommene Unterbrechung. Auf Intensivstationen kommt man ja selten zur Ruhe. Da tut so ein Moment des Innehaltens sehr gut.
Lisa Klein-Weber:
Insofern ist es auch wichtig, dass Ethik nicht in ein Ethikkonsil ausgelagert wird, wie das an manchen Kliniken geschieht, sondern dass ethische Fragen im Alltag präsent sind und die Ergebnisse der ethischen Reflexion im besten Falle das Handeln aller Mitarbeiter bestimmen.

Kommt es hinsichtlich des Therapieziels öfter zu Konflikten zwischen Ärzten und Patienten bzw. Angehörigen, bei denen Sie vermittelnd tätig werden?

Lisa Klein-Weber:
Auf der onkologischen Station werden solche Fragen sehr früh angesprochen, aber natürlich gibt es immer wieder solche Konflikte. Meist geht es darum, dass der Arzt noch Chancen in einer Behandlung sieht, der Patient aber nicht mehr will oder kann. Manchmal bittet uns ein Patient in solchen Situationen darum, beim Gespräch mit dem Arzt dabei zu sein und ihn in seiner Position zu unterstützen. In diesem Zusammenhang sind wir dann Anwalt des Patienten und setzen uns dafür ein, dass jemand in Würde sterben kann. Wir haben ja schon viele Menschen bis in den Tod begleitet und können diese Erfahrung immer wieder neu einbringen. Oft helfen den Menschen in dieser Situation auch Rituale – vom gemeinsamen Abschiednehmen über den Sterbesegen bis zum Sakrament der Krankensalbung.

Was gibt Ihnen die Kraft, als Seelsorger in diesem herausfordernden Umfeld zu arbeiten?

Jochen Wolff:
Grundvoraussetzung ist, dass man den Tod nicht als Niederlage, als perspektivlose Endstation sieht, sondern als Tür in eine andere, bessere Welt. Da hilft mir dann meine Gottesbeziehung. Gerade in den Wochentagsgottesdiensten, die meist ruhiger und leerer sind, trage ich oft meine Gedanken vor Gott und nehme die Patienten und ihr Leid mit ins Gebet hinein.
Lisa Klein-Weber:
Ich fühle mich sehr stark durch das Seelsorgeteam wie auch durch das Team auf der Station getragen und durch den Respekt, den wir uns alle entgegenbringen. Oft kommt auch etwas Positives zurück, etwa wenn uns Angehörige im Nachhinein schreiben und sich für die Begleitung bedanken. Aber natürlich führt mich diese Arbeit regelmäßig an meine Grenzen. Und dann ringe ich auch mit Gott und beklage mich über das Leid, das ich nicht begreifen kann.
Lisa Klein-Weber und Pfarrer Jochen Wolff im Gespräch

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