Den Tagen mehr Leben geben – Ein Interview mit dem Seelsorger Georg Waßer.

Georg Waßer ist als katholischer Seelsorger an den Johanniterkliniken in Bonn tätig. Er hat schon viele Familien bei der Verabschiedung eines Angehörigen begleitet. Der Pastoralreferent erzählt von den letzten Fragen, die bei einem Sterbenden aufkommen und von der Hoffnung, die er aus dem christlichen Glauben dabei schöpfen kann.

Georg Waßer im Interview

Herr Waßer, was sind Ihre Aufgaben als Hospiz-Seelsorger?

Georg Waßer:
Mein Leitspruch bei der Arbeit heißt: Gemeinsam Hoffnung suchen. Damit knüpfe ich an den Aufruf im ersten Petrusbrief in der Bibel an: „Seid stets bereit, jedem Rede und Antwort zu stehen, der nach der Hoffnung fragt, die euch erfüllt“. Ich bin Gesprächspartner für die Menschen, die sehr viele Fragen rund um das Thema Sterben haben. Des Weiteren mache ich sakramentale Angebote wie die Vermittlung von Krankensalbungen, verteile die Kommunion, gestalte Gottesdienste, Gebete und Meditationen. Ich unterstütze die Angehörigen auch bei der Beerdigung und der Trauerarbeit. Im Hospiz etwa laden wir die Angehörigen zu Trauergesprächsgruppen und Gedenkgottesdiensten ein. Für uns ist mit dem Tod nicht alles vorbei. Generell versuchen wir, das Leben ins Hospiz zu bringen. Die Gründerin der Hospizbewegung, Cicely Saunders, sagte einmal, es sei wichtig, „nicht dem Leben mehr Tage, sondern den Tagen mehr Leben“ zu schenken. Das versuchen wir dadurch auszudrücken, dass wir Feste feiern im Hospiz, bei denen unter anderem auch Kinder teilnehmen. Die Hospizbewegung hat schon bewirkt, dass das Sterben nicht allein und einsam stattfinden muss.

Sie sind ja sowohl im Krankenhaus als auch im Hospiz Seelsorger. Worin unterscheiden sich diese beiden Bereiche?

Georg Waßer:
Ein Hospiz bietet die einmalige Möglichkeit zu einer intensiven Betreuung der Menschen. Das ist in vielen Krankenhäusern und Pflegeheimen aus Kostengründen so nicht mehr möglich. Faktoren wie Funktionalität, Rentabilität und Wirtschaftlichkeit rücken dort immer stärker in den Vordergrund. Das führt oft dazu, dass das Menschliche leider zu kurz kommt. Das ist schon ein starker Kontrast zum Hospiz. Auch wenn sich die Pflegenden sehr bemühen, führt eine personell enge Besetzung in Krankenhäusern oft dazu, dass eine intensivere Betreuung nicht möglich ist.

Sie sagen, Sie sind in erster Linie Ansprechpartner für die Sterbenden und ihre Angehörigen. Mit welchen existenziellen Fragen werden Sie konfrontiert?

Georg Waßer:
Ein Sterbender fragt im Wesentlichen drei Fragen: Wer bin ich, wohin gehe ich, was bleibt? Im Rückblick auf das Leben kommen auch Schuldfragen ins Spiel, Fragen nach Versöhnung, Vergebung. Die Angehörigen fragen sich wiederum, wie sie den Sterbenden gut begleiten können, ob sie die eigene Trauer zeigen dürfen, was sie überhaupt noch tun können angesichts der unheilbaren Krankheit des Sterbenden und was sie im Moment des Sterbens selbst machen sollen.

Was antworten Sie dann als Theologe?

Georg Waßer:
In solchen Fragen kann ich eigentlich nur von meiner eigenen Hoffnung und dem erzählen, was in der Bibel steht. Für mich gibt es ein Leben nach dem Tod. Ich glaube fest daran, dass Gott uns aufnimmt in ein Reich, in dem alle Tränen getrocknet sind und wo kein Leid mehr ist. Die Bibel spricht auch von einem großen Hochzeitsmahl, bei dem wir uns alle wiedersehen werden. Das sind alles Bilder, die die Bibel anbietet und die Trost vermitteln. Meine Aufgabe als Seelsorger besteht ja auch gerade darin, Trost zu spenden. Und Trost heißt für mich, Raum zu geben für die Gefühle der Betroffenen, aber auch von der Hoffnung zu sprechen, die uns die Bibel gibt.

Gibt es auch Momente, in denen Sie selbst sprachlos sind und keine Antwort mehr wissen?

Georg Waßer:
Ja, die gibt es ganz sicher. Als meine eigene Mutter im Hospiz verstorben ist, hatte ich eigentlich noch fünf Kommunionverteilungen im Hospiz zu machen. Da habe ich zum Pflegepersonal gesagt: Nein, ich bin jetzt Angehöriger, ich bin Sohn und ich kann jetzt nicht die Rolle des Seelsorgers übernehmen. Solche Momente der Ohnmacht gibt es für mich auch im Umgang mit den Angehörigen. Manchmal geht es für uns mehr darum, einfach auszuhalten, beim Sterbenden zu sein und ihn nicht allein zu lassen. Wichtig ist immer die Frage, was ist mein Auftrag, was wünscht sich der Sterbende selbst, was ist für ihn gut.

Werden Sie als Seelsorger auch mal mit Vorstellung anderer Religionen und spiritueller Überzeugungen konfrontiert?

Georg Waßer:
Ja, etwa, wenn mir ein Sterbender sagt, er möchte seine Asche im Rhein verstreut haben. Da sage ich dann schon sehr deutlich, dass das nicht mehr der christlichen Vorstellung entspricht. Da sind durch den christlichen Glauben auch Grenzen gegenüber esoterischen Überzeugungen und anderen Religionen gesetzt. Das spüren wir auch im Umgang mit Bestattungen. Wenn ein Angehöriger oder Sterbender da eigene, nicht-christliche Vorstellungen hat, muss ich das natürlich akzeptieren.

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